DPP für Textilien: EU-Vorgaben für Mode & Kleidung erklärt

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Die Modeindustrie steht vor einem regulatorischen Wandel, der tiefer geht als jede Nachhaltigkeitsinitiative der letzten Jahre. Mit dem Digitalen Produktpass (DPP) schreibt die EU künftig vor, was Textilunternehmen über ihre Produkte wissen – und vor allem: offenlegen – müssen. Von der Baumwolle auf dem Feld bis zum T-Shirt im Kleidercontainer.

Was das für Euer Unternehmen konkret bedeutet, wann es kommt und was Ihr heute schon tun könnt: das erklären wir hier.

Was ist der Digitale Produktpass (DDP)?

Kurz: Der DPP ist eine digitale Akte für ein physisches Produkt – Informationen zu Materialien, Herstellung, Reparierbarkeit, Entsorgung, abrufbar über einen QR-Code. Ziel der EU ist mehr Transparenz entlang der gesamten Wertschöpfungskette, weniger Greenwashing, mehr Kreislaufwirtschaft. 

Mehr dazu findest Du in unserem Artikel zum digitalen Produktpass. Wenn Du noch ganz neu im Thema bist, lies am besten zuerst den Allgemeinen Artikel und komm dann hierher zurück für einen Deep Dive.

Warum sind Textilien besonders betroffen?

EU-Bürger:innen werfen im Schnitt etwa 11 kg Kleidung pro Person und Jahr weg.1 Auch in Deutschland wird viel konsumiert: Etwa 60 Kleidungsstücke kaufen die Deutschen pro Person pro Jahr. Davon wird jedoch rund 40 % nie oder nur selten getragen.2 Und ein Großteil der in der EU verkauften Kleidung wird außerhalb der EU produziert – was Rückverfolgbarkeit entlang der Lieferkette strukturell schwierig macht. 

Aus Sicht der EU ist die Textilindustrie deshalb eine naheliegende Fokusbranche: großer ökologischer Fußabdruck, intransparente globale Lieferketten, hoher Ressourcenverbrauch. Textilien gehören daher zu den ersten Sektoren, für die unter der Ökodesign-Verordnung (ESPR) konkrete DPP-Anforderungen erarbeitet werden.

Was das in der Praxis bedeutet: Verbraucher:innen sollen künftig über einen QR-Code am Etikett sehen können, woraus ein Kleidungsstück besteht, wo es hergestellt wurde, wie lange es hält und ob es repariert oder recycelt werden kann. Wenn Euer Unternehmen diese Fragen heute nicht beantworten kann, solltet Ihr das spätestens jetzt auf die Agenda setzen.

Welche Produkte sind betroffen?

Aktuell befindet sich das Thema digitaler Produktpass für Textilien noch in der Finalisierungsphase. Klar ist aber schon jetzt, dass eine breiet Palette an Produkten, die Textilmaterialien enthalten, betroffen sein wird. Dazu gehören:

Kleidung: T-Shirts, Hemden, Blusen, Hosen, Jeans, Röcke, Jacken, Unter- und Nachtwäsche, Sportbekleidung, …

Schuhe: Sneaker, Stiefel, Sandalen, Hausschue, Arbeits- und Sicherheitsschuhe, …

Accessories: Taschen und Handtaschen, Hüte, Mützen, Gürtel, Handschuhe, Krawatten, …

Heimtextilien: Bettwäsche, Handtücher, Gardinen, Teppiche, Polsterstoffe, …

Es gibt allerdings auch einige Ausnahmen bzw. Sonderfälle. Diese Produkte können modifizierte Anforderungen oder Ausnahmen haben. Dies betrifft z. B. medizinische Textilien, Schutzarbeitskleidung und sehr kleinskalige handwerkliche Produktion. Für Second-Hand-Waren und Vintage-Artikel werden ebenfalls eigene, spezifische Bestimmungen entwickelt.

 

Was muss im DPP für Textilien enthalten sein?

Die textilspezifischen Detailanforderungen stehen noch nicht fest – das ist wichtig zu wissen, bevor hier konkrete Zahlen und Felder genannt werden. Die EU erarbeitet sie gerade im Rahmen sogenannter Delegierter Rechtsakte, deren Verabschiedung für Textilien voraussichtlich im Laufe des Jahres 2027 erwartet wird. Danach beginnt eine Übergangsfrist von rund 18 Monaten bevor die Vorschriften 2028–2030 vollständig in Kraft treten.

Was sich aus den Rahmendokumenten und laufenden Stakeholder-Konsultationen heute schon ableiten lässt:

Der DPP für Textilien wird voraussichtlich Angaben zur Produktidentifikation verlangen – Produktname, Modell, herstellende und importierende Unternehmen. Wichtig dabei: Rechtlich verantwortlich für den DPP sind die Inverkehrbringenden. Bei Importprodukten seid das in der Regel Ihr – nicht der Hersteller im Drittland.

Dazu kommen Angaben zur Materialzusammensetzung: Welche Fasern sind enthalten? Wie hoch ist der Anteil recycelter Materialien? Für viele Unternehmen ist das der Punkt, an dem die Lieferkette zum ersten Mal wirklich transparent werden muss – und an dem die Lücken sichtbar werden. Das ist direkt verknüpft mit dem Product Carbon Footprint Eurer Produkte.

Weiter geht es mit Produktionsprozessen und Lieferkettennachweisen: Wo wurde das Produkt hergestellt? Welche Verarbeitungsschritte hat es durchlaufen? Welche Nachweise gibt es zu Arbeitsbedingungen und Umweltstandards entlang der gesamten Wertschöpfungskette? Dazu Umwelt- und Klimadaten wie CO₂-Emissionen und Wasserverbrauch – möglichst bezogen auf den gesamten Lebenszyklus des Produkts.

Außerdem Angaben zu Haltbarkeit und Reparierbarkeit sowie Informationen zur Entsorgung und zum Recycling: Wie und wo kann das Produkt zurückgegeben oder weiterverwertet werden? Um alle Anforderungen zu erfüllen, lohnt ein Blick auf den Cradle-to-Cradle-Ansatz – konzeptionell ist der DPP eng damit verwandt.

Also, nicht auf die finale Rechtsakte warten, sonst verliert Ihr wertvolle Zeit, die Ihr später braucht. 

Wie funktioniert der DPP technisch?

Der digitale Produktpass ist physisch an das Produkt gebunden – über einen QR-Code, RFID-Tag oder Data Matrix Code. Wer scannt, landet auf einem standardisierten Datensatz im EU-weiten Registry.

Die entscheidende Anforderung dahinter: Eure Daten müssen maschinenlesbar und interoperabel sein – also über verschiedene Systeme hinweg nutzbar. Intern Bescheid zu wissen reicht nicht. Die Informationen müssen strukturiert, aktuell und für Behörden, Handelnde und Verbraucher:innen extern abrufbar sein. Das klingt nach einer IT-Aufgabe – ist aber genauso ein Organisations- und Prozessthema.

Alle technischen Details zum DPP-System haben wir im übergeordneten Artikel zusammengefasst: Digitaler Produktpass (DPP): Die wichtigsten Fakten einfach erklärt

Chancen und Herausforderungen für Textilunternehmen

Viele Unternehmen begegnen dem DPP zunächst als Compliance-Last. Das ist verständlich, aber zu kurzsichtig.

 

Wenn Ihr Eure supply chain ohnehin dokumentieren müsst, könnt Ihr diese Datenbasis auch nutzen: für eine glaubwürdige Nachhaltigkeitskommunikation, für bessere Einkaufsentscheidungen, für den Aufbau von Cradle-to-Cradle-Prozessen, die ohne saubere Materialdaten nicht funktionieren. Wer seine Lieferkette kennt, hat außerdem ein Argument gegenüber Kund:innen und Geschäftspartner:innen, das Wettbewerber ohne diese Datenbasis einfach nicht haben. Und: Ohne konformen DPP dürfen Eure Produkte nach Ablauf der Fristen nicht mehr auf dem EU-Markt in Verkehr gebracht werden – das gilt auch, wenn Ihr aus Drittländern importiert.

 

Aber wir wollen das hier nicht schön reden. Natürlich gibt es auch hier Herausforderungen. Bei mehrstufigen globalen Produktionsketten fehlen Daten auf Zuliefererebene oft komplett – und die können nur erhoben werden, wenn Eure Lieferanten mitmachen. Das ist keine Selbstverständlichkeit und braucht Zeit. Hinzu kommt, dass maschinenlesbare, aktuell gehaltene Daten Systeme voraussetzen, die viele Unternehmen noch aufbauen müssen. Das erstellt man nicht mal eben nebenbei. 

 

Besonders unterschätzt: die Haftungsfrage. Ändert Euer herstellendes Unternehmen die Materialzusammensetzung und Ihr übernehmt das nicht rechtzeitig in den DPP, haftet Euer Unternehmen als Inverkehrbringender – nicht das herstellende Unternehmen. Diese Verantwortungskette muss vertraglich geregelt sein, bevor die Pflicht greift.

Ab wann gilt der DPP für die Textilindustrie – und was passiert bis dahin?

  • Juli 2024 – Die ESPR tritt in Kraft. Die rechtliche Grundlage steht.
  • 2025–2026 – Stakeholder-Konsultationen laufen, die EU-Infrastruktur (Registry, Normen) geht in Betrieb. Für Textilunternehmen: die Phase, in der Ihr Euch vorbereiten könnt, ohne unter Druck zu stehen.
  • ~Q2 2027 – Verabschiedung der Delegierten Rechtsakte für Textilien erwartet. Ab hier sind die konkreten Anforderungen verbindlich.
  • Ende 2028 / Anfang 2029 – Nach rund 18 Monaten Übergangsfrist greift die DPP-Pflicht voraussichtlich vollständig. Produkte ohne konformen DPP dürfen nicht mehr auf dem EU-Markt in Verkehr gebracht werden.

 

Zwischen „Rechtsakt verabschiedet“ und „Konformität nachgewiesen“ liegen 18 Monate. Zwischen „wir fangen jetzt an“ und „DPP-fähige Lieferkette“ oft deutlich mehr. Wer erst 2027 startet, rechnet besser in Überstunden.

Wie bereiten sich Textilunternehmen am besten vor?

Heute anfangen lohnt sich – auch ohne finales Regelwerk. Was Ihr konkret tun könnt:

  • Bestandsaufnahme machen. Welche Produktdaten habt Ihr, in welcher Qualität, und wo sind die Lücken? Diese Analyse ist unangenehm, weil das Ergebnis meistens ernüchternd ist. Aber sie ist die Voraussetzung für alles andere.
  • Lieferanten einbinden – und zwar jetzt. Daten, die Ihr nicht habt, müsst Ihr erheben. Das geht nur mit Euren Partnern entlang der supply chain. Je früher Ihr das Gespräch führt und die Anforderungen in Verträge schreibt, desto weniger wird es zum Streitpunkt.
  • Intern Strukturen schaffen. Einkauf, Compliance und IT müssen hierbei zusammenarbeiten. Wer das als IT-Projekt behandelt, scheitert an den Prozessen. Wer es als Nachhaltigkeitsprojekt behandelt, scheitert an der Technik.
  • Regulatorische Entwicklung verfolgen. Die Delegierten Rechtsakte bringen die Details. Wer sie früh kennt, kann reagieren – wer sie ignoriert, arbeitet später auf Druck nach.
  • Und: den DPP größer denken. Wenn Ihr die Datenbasis aufbaut, nutzt sie auch. Für Eure Nachhaltigkeitsstrategie, für Einkaufsentscheidungen, für die Kommunikation mit Kund:innen. Ein DPP, der nur im Hintergrund läuft, ist eine verpasste Gelegenheit.

Wenn Ihr für Eure Transformationsprozesse staatliche Förderung nutzen möchtet, kann ein BAFA-Transformationskonzept ein sinnvoller erster Schritt sein.

Wie kann Grubengold beim digitalen Produktpass helfen?

Wir begleiten Unternehmen durch den DPP-Prozess – von der ersten Bestandsaufnahme über die Lieferantenkommunikation bis zur konkreten Roadmap. Nicht als Checklisten-Abarbeitende, sondern mit dem Blick dafür, was die Anforderungen für Euer Geschäftsmodell und Eure Nachhaltigkeitstransformation bedeuten.

 

Ihr wollt wissen, wo Ihr heute steht? Sprecht uns an.

Unser Experte

Experte David Hannes

David Hannes

David unterstützt Unternehmen u. a. bei den Themen CO₂-Bilanzen und nachhaltige Geschäftsmodell-Transformation. Mit seinem naturwissenschaftlichen Hintergrund als Medizinphysiker – inklusive eines Auslandssemesters am MIT – bringt er analytische Tiefe und systemisches Denken in die Entwicklung von Klimastrategien ein. Bei Grubengold berät er Unternehmen dabei, Emissionen entlang der Wertschöpfungskette zu bilanzieren, zu verstehen und wirkungsvoll zu reduzieren.

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